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Wie familienfreundlich meine Kommune ist
Ein Lächeln als Lohn für Muskelkraft und Bücherkiste
Egal ob Leseclub oder Waldexkursion – ohne engagierte Senioren
blieben viele Aktivitäten für Kinder und Familien in Cottbus
auf der Strecke. Einrichtungen wie das Strombad oder das neue Familienhaus
des Vereins Jugendhilfe wären kaum möglich, würden
Ehrenamtliche nicht ihre freie Zeit opfern.
«Die Hilfe von Senioren ist für uns besonders wichtig,
weil damit die generationsübergreifende Verantwortung für
das Aufwachsen unserer Kinder wahrgenommen wird» , sagt Jörn
Meyer, Geschäftsführer der Jugendhilfe Cottbus. Senioren
wie Reinhard Ander (68) und Günter Noschka (64) zählen
zu den ehrenamtlichen Helfern, die an verschiedenen Projekten der
Jugendhilfe mitwirken. Seit zwei Jahren arbeiten sie zuverlässig,
erst im Strombad, jetzt im Familienhaus. «Sie sind das Wichtigste,
was wir haben» , sagt der Bau- und Objektverantwortliche Günter
Just. «Es sind Fachleute, die wissen, worauf es ankommt und
mitdenken. Sie sind unverzichtbar.» Rückbau, Maurer-,
Zimmer- und Schlosserarbeiten – die Senioren packen an.
«Wir wollten etwas mit Jugendlichen für Jugendliche machen.
Das konnten wir im Strombad umsetzen und hier fortführen»
, sagt Reinhard Ander. «Außerdem haben wir so wieder
eine Aufgabe» , fügt Günter Noschka hinzu. Ein weiterer
treuer Helfer sei auch Horst Depner gewesen, wie Bauverantwortlicher
Just erzählt. «Er fehlt uns. Vor wenigen Tagen ist er
nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.»
Von den etwa 900 Menschen, die sich zwischen den Jahren 2002 und
2006 bei der Freiwilligenagentur Cottbus für ein Ehrenamt interessiert
haben, seien 40 Prozent Senioren gewesen, sagt Ramona Franze-Hartmann,
Projektleiterin der Freiwilligen agentur. Die Anzahl der älteren
engagierten Menschen sei aber höher, die Zusammenarbeit zwischen
den Generationen unverzichtbar. «Ich würde in Cottbus
gern ein neues Projekt umsetzen, bei dem Senioren den Jugendlichen
bei der beruflichen Orientierung, bei Bewerbungsgesprächen
und ähnlichem helfen.» Das Wissen und die Erfahrung machten
die Älteren zu unersetzlichen Partnern für die Jungen.
Erwin-Peter Krause heißt in der Waldameisengruppe der Kita
Storchennest nur «Wald-Peter» . «Ohne ihn ginge
es nicht» , sind sich die Erzieherinnen Viola Thiele und Sieglinde
Förster einig. Jeden Mittwoch komme der 67-Jährige ex
tra aus Dissen nach Gallinchen, um den Kindern die Natur zu erklären.
«Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Die Freude und
Neugierde der Kinder an Flora und Fauna sind meine Motivation»
, begründet der fünffache Opa das ehrenamtliche Engagement.
«Die Kinder haben einen hohen Wissensbedarf, das macht Spaß.»
Auf den Spuren von Eichhörnchen, Kuckuck und Eidechse bewegen
sich die Drei- bis Sechsjährigen durch den Wald und verbringen
auch Regentage in der Natur.
«Das Miteinander ist toll» , sagt Erwin-Peter Krause.
Neben seiner Rolle als Waldkenner schlüpft er zur Freude vieler
Kita-Kinder regelmäßig auch in Osterhase- und Weihnachtsmannkostüm.
Geschichten sind das Hobby der Lesefüchsin Helga Schäfer.
Seit vier Jahren geht sie wöchentlich in die Kinderklinik und
die Kinderchirurgie des Carl-Thiem-Klinikums. Den kleinen Patienten
bringt sie eine Gute-Nacht-Geschichte mit. «Das reicht manchmal
schon, um abzulenken und Trost zu spenden» , sagt die Rentnerin.
Als ehemalige Grundschullehrerin kann Helga Schäfer so ihrem
Anspruch auch über die Dienstjahre hinaus treu bleiben. «Wir
wollen den Kindern Spaß am Lesen vermitteln und Lust auf Bücher
machen» , erklärt die 64-Jährige.
Mit einer Büchertasche bepackt, besuchen Helga Schäfer
und eine Kollegin Woche für Woche die kranken Kinder. Vorgelesen
wird, was sich die Patienten wünschen. «Märchen
sind eher selten. Gefragter sind die Geschichten von Elisabeth Shaw
oder Hexe Lilli. Ich biete auch Bücher an, beispielsweise Alfons
Zitterbacke» , sagt Helga Schäfer. Ihr ehrenamtlicher
Einsatz lohne sich für sie. «Zu sehen, wie sich Kinder,
Eltern und auch das Personal freuen, ist das wert.»
Durch das Engagement der Senioren in Cottbus entstehen nach Ansicht
Jörn Meyers Gemeinschaften wie in idealtypischen Dorfgemeinschaften:
«Die Kinder spielen und lernen, die Erwachsenen arbeiten und
schaffen Wohlstand, die Älteren betreuen und geben die nötige
Sicherheit. Das eine gibt es ohne das andere nicht.»
* Weitere Folgen der Serie «Wie familienfreundlich meine
Kommune ist» finden Sie im Internet unter www.lr-online.de/familienserie
Von Daniela Kühn |