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Cottbuser Baggerfahrer kümmert sich seit Jahren um junge
Straftäter
Mit Herz und Verstand
Dietmar Piesker ist ein Mann der Tat, einer der anpackt und handelt.
Seit Jahren kümmert sich der Cottbuser um jugendliche Gefangene
in der JVA-Dissenchen. In Gesprächen schafft er Vertrauen und
nimmt den minderjährigen Verurteilten die Angst vor dem Leben
hinter Gittern. «Die Arbeit ist erfolgreich» , sagt
Piesker, der kürzlich als Anerkennung für sein ehrenamtliches
Engagement von Bundespräsident Horst Köhler empfangen
worden ist. Keiner von Pieskers Jugendlichen ist bislang rückfällig
geworden.
«Ich arbeite gern mit jungen Menschen zusammen» , sagt
Piesker. Sie seien noch entwicklungsfähig, dort könne
er noch etwas bewegen. Herz und Ver stand bestimmen seine Arbeit.
«Mal ist das Herz, mal der Verstand gefragt – je nach
Situation.» Gegenwärtig betreut Dietmar Piesker zwei
Mal im Monat drei Jugendliche im Jugendstrafvollzug der JVA Cottbus-Dissenchen.
Vorbild für seine Tochter
Hauptberuflich ist der verheiratete Familienvater Baggerfahrer.
Seit elf Jahren arbeitet er im Tagebau Cottbus-Nord im Vierschichtsystem.
Im Jahr 2001 nahm er ein Fernstudium in Psychologie auf. «Vielleicht
war es Schicksal, denn genau zu dem Zeitpunkt wollte meine Tochter
ihr Abitur abbrechen» , erzählt Dietmar Piesker. «So
bin ich ihr damals ein Vorbild gewesen und sie hat daraus gelernt.»
Denn die heute 22-Jährige studiert derzeit in Berlin und möchte
später Lehrerin werden. Sie absolviere gerade ein Praktikum
an einer Hauptschule in Berlin-Wedding, sagt der Familienvater.
«Wenn sie Probleme mit Schülern hat, ruft sie mich an.»
Neben seiner Arbeit im Tagebau und der ehrenamtlichen Tätigkeit
in der JVA engagiert sich Piesker in einem Projekt der Cottbuser
Freiwilligenagentur. «Mentoring Europe – Aktivpatenschaften»
solle in der Stadt eine Lücke schließen.
«Wir suchen nach Eltern mit bereits erwachsenen Kindern, die
sich im Rahmen einer Patenschaft zu einem oder mehreren Jugendlichen
einbringen» , erklärt Piesker. Eine solche Patenschaft
solle Fehlentwicklungen vorbeugen. Sechs bis sieben Elternteile
haben sich bei Piesker nach dem Projekt erkundigt. In den Gesprächen
hat er nach eigenen Worten allerdings die Erfahrung gemacht, dass
das Wort «Patenschaft» die Menschen abschreckt. «Sie
assoziieren damit eine feste Bindung, eine Verpflichtung über
einen längeren Zeitraum. Uns geht es jedoch erst einmal darum,
dass die Erwachsenen in ihrem Umfeld besser hinsehen und Fehlentwicklungen
frühzeitig erkennen. Je früher, desto besser.»
Zur aktuellen Debatte um die Änderung des Jugendstrafrechts
bezieht der Cottbuser eine deutliche Position. Die Verlängerung
von Haftstrafen lehnt er kategorisch ab. «Das bringt weder
den Jugendlichen noch der Gesellschaft etwas.» Aus seinen
Erfahrungen könne er sagen, dass eine Haftstrafe von fünf
Jahren für 17- oder 18-Jährige ausreiche. Jedes weitere
Jahr im Gefängnis führe dazu, dass sich die Strukturen
verfestigen und die Resozialisierung der jungen Menschen immer problematischer
werde.
Erfolgreiche Jugendarbeit
Diese Erfahrungen habe er hauptsächlich in den Jahren 2003
bis 2005 gemacht, wo er in der JVA Cottbus-Dissenchen eine Selbsthilfegruppe
betreute. «Es waren fünf junge Gefangene, die erstmals
eine Haftstrafe verbüßten oder in der Knasthierarchie
weit unten standen und ständig angefeindet wurden» ,
erzählt Dietmar Piesker. Er habe ihnen die Angst vor dem Leben
hinter Gittern nehmen und sie psychologisch stabilisieren wollen.
In den Gruppengesprächen habe er den Jugendlichen persönliche
Erlebnisse aus seinem Leben geschildert und so das Eis gebrochen,
sagt Piesker. Als Jugendlicher sei er selbst kein Heiliger gewesen.
«Doch ich habe, im Gegensatz zu den jungen Straftätern,
die Zeichen erkannt, bevor es zu spät gewesen ist.» In
den folgenden Sitzungen seien Regeln aufgestellt worden, erzählt
Piesker. So sollten die Gefangenen niemals mit ihren Taten prahlen.
Auch Geschäfte mit anderen Häftlingen sollten dringlichst
vermieden werden. «Denn der Zinssatz» , so Piesker,
«liegt im Knast meist bei hundert Prozent. Schnell gerät
man da in Abhängigkeiten.»
Die langjährige Jugendarbeit war in Dietmar Pieskers Augen
bislang erfolgreich. «Keiner der von mir betreuten jungen
Täter ist rückfällig geworden.»
Von Michél Havasi |