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Klarissa Kayser leitet das Projekt „Bücherecke“ im Cottbuser
Soziokulturellen Zentrum
Du musst dich auf Neues einlassen
Rund Tausend Bände – Klassiker, Biografien, Krimis,
Frauen- und Geschichtsromane, Ratgeber und Zeitschriften –
können in der „Bücherecke“ des Soziokulturellen
Zentrums in Cottbus Sachsendorf ausgeliehen werden. Doch das 2005
aus der Taufe gehobene Projekt der Freiwilligenagentur bietet noch
viel mehr als allein Lesestoff. Den Hut dafür hat Klarissa
Kayser auf.
„Jetzt bin ich wieder in der Kultur angekommen, dachte ich,
als ich die Leitung des Projektes übernahm“, sagt sie.
Die 58-Jährige fühlt sich sichtbar wohl in dem kleinen
Reich im ersten Stock. Seine Wände sind rundum mit Bücherregalen
bestückt. Es finden gerade noch ein Computerarbeitsplatz und
ein kleiner Tisch mit Stühlen Platz, an dem Klarissa Kayser
an diesem Morgen Pläne für ihre Leseecken-Mannschaft schmiedet.
Sie lächelt und wirkt jugendlich, wenn sie mit Leidenschaft
über das Projekt spricht. „Wir wollen so viele Menschen
wie nur möglich für Literatur begeistern“, erklärt
sie. An einem sozialen Brennpunkt wie in Sachsendorf ist das kein
leichtes Vorhaben. Das weiß auch Clarissa Kayser. „Vor
allem Frauen leihen sich hier Bücher aus, bei Männern
und Jugendlichen haben wir Nachholbedarf“, beda uert sie.
„Aber wir lassen nicht locker“, verspricht die ehrenamtliche
Chefin von acht weiteren freiwilligen Helferinnen. Aufgeben war
ohnehin für sie noch nie ein Thema.
Als die studierte Kulturwissenschaftlerin, die einst große
Veranstaltungen in Berlin organisierte und später in der Lausitz
im Volkskunstbereich wirkte, nach der Wende ihre Arbeit verlor,
schulte sie um. Klarissa Kayser schloss erfolgreich ein Sozialpädagogik-Aufbau-Studium
ab und betreute in den folgenden Jahren zahlreiche Projekte im Cottbuser
Frauenzentrum Lila Villa. „Kurse zur Selbstverteidigung und
Rhetorik-Lehrgänge zum Beispiel“, erinnert sie sich.
„Frauen können eine ganze Menge, aber es fehlt vielen
an Selbstvertrauen. Das müssen sie schulen“, wünscht
Klarissa Kayser. „Du musst dich überwinden, dich auf
Neues einlassen“, dieses Motto hat sie auch sich selbst zu
Eigen gemac ht. Als die Fördergelder für die Kurse in
der Lila Villa knapper wurden, am Horizont Arbeitslosigkeit drohte,
setzte sich die damals 55-Jährige nochmal auf die Schulbank
und machte die notwendigen Abschlüsse für den Start in
die Selbstständigkeit.
Heute hat sie sich eine eigene Existenz als Persönlichkeits-
und Anti-Stress-Trainerin aufgebaut. „Zu Hause sitzen, das
kommt für mich nicht infrage“, sagt sie. „Meine
Arbeit gibt mir Kraft und hält fit.“ Parallel zu ihrer
Existenzgründung hatte sie sich deshalb auch noch für
das Ehrenamt“ entschieden. „Das wollte ich unbedingt
machen, Literatur, Musik, Theater, Kultur eben – das war von
klein auf mein Leben“, schwärmt sie.
Inzwischen gurgelt leise der Wasserkocher. Auch wenn das Lesecafé
im Flur, wo bei Tee oder Kaffee geschmökert und geplauscht
werden kann, an diesem verregneten Tag zunächst verwaist bleibt
– Klarissa Kayser kocht Tee für zwei Mitstreiterinnen,
die gerade zum „Dienst“ gekommen sind. Die Rentnerin
Heidi Knoop und Martina Schmiediche, die seit einiger Zeit arbeitslos
ist, lieben die „vielseitige Bücherei-Arbeit und vor
allem die Gespräche“. Und sie sind wie Klarissa Kayser
besonders stolz auf viele gut besuchte „Erlebnislesungen“,
neben der Ausleihe wichtiges Standbein der „Bücherecke“.
Dabei wird Geistesnahrung mit sinnlichen Genüssen verwoben.
So gab es ukrainischen Tee zu „Geschichten am Samowar“,
„Loriotsches“ mit hart gekochten Eiern oder einen Abend
unter dem Motto „Der tolle Pückler*amp *ldquo;. „Dafür
hatte die Turnower Landfleischerei extra für uns Leberwurst
nach Pücklerschem Rezept gefertigt“, erinnert sich Klarissa
Kayser schmunzelnd. „Wir haben in zwei Jahren viele Partner
gewonnen“, resümiert die Projektleiterin. „Cottbuser
Vereine, Firmen, Schriftsteller, Buchhandlungen, Bibliotheken, Theatergruppen“
– wir sind in ein richtiges Netzwerk eingebettet“, fügt
sie hinzu. „Wir nehmen – und wir geben etwas zurück.“
Darauf legt sie Wert.
Regelmäßig gestalten sie und ihre Mitstreiter zum Beispiel
Senioren-Lesungen im Cottbuser Riedel-Stift, sie sind mit ihrem
Bücherstand auf vielen Volksfesten dabei, werben für das
Lesen und verschenken Bücher.
In diesen Tagen beginnen die Proben für eine neue Loriot-Lesung.
Sie soll Premiere vor Mitarbeitern von EnviaM in Cottbus haben –
„als Dankeschön für eine größere Bücherspende“,
wie Klarissa Kayser sagt.
Steckbrief „Ich bin froh, wahre und echte Freunde zu haben“
Geboren : am 15. Juni 1949 im Kreis Weißwasser.
Familie : Verheiratet, zwei erwachsene Söhne.
Beruf : Diplom-Kulturwissenschaftlerin, Diplom-Sozialpädagogin.
Größte Niederlage : Gab es nicht.
Größer Erfolg : Start in die Selbstständigkeit und
erfolgreicher „Seitensprung“ ins Ehrenamt.
Zuletzt geärgert : Das Ehrenamt hat noch nicht den gesellschaftlichen
Stellenwert, den es eigentlich verdient.
Zuletzt gefreut : Über Ideenreichtum meiner Mitarbeiterinnen
in der „Bücherecke“ bei allen ehrenamtlichen Aktivitäten.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte : Die Menschen sollten wieder
mehr Freude am Lesen entdecken.
Lebensmotto : Schließt sich eine Tür, so geht woanders
eine neue auf.
Vorbilder : In jeder Lebensphase neue, von denen ich für mich
das Besondere herausfiltere.
Was ich noch sagen wollte : Ich bin froh, wahre und echte Freunde
zu haben, auf die ich mich verlassen kann.
von Verena Ufer |