Mit einem Reisequiz und anderen Formen spielerischer Kommunikation
versucht Seniorentrainerin Angelika Voigt Fantasie und Gedächtnis
älterer Menschen anzuregen.
«Wo steht der Prater« Was fällt Ihnen zu Rom ein»
Wo steht das längste Bauwerk der Welt» , schallt es im
Seniorenclub «Goldener Herbst» in die Runde. «Wien,
Vatikan, China» antworten rund 20 ältere Menschen zwischen
60 und 90 Jahren, vorwiegend Frauen, wie auf Kommando. Bei rotem Tee
und Keksen haben sich die Mitglieder des Cottbuser Seniorenclubs «Goldener
Herbst» an Gruppentischen zu einer «rätselhaften
Reise» versammelt – so heißt das Ratespiel, das
sich Angelika Voigt ausgedacht hat, um ihr Publikum zur geistigen
Aktivität anzuregen.
Es herrscht andächtige Stille in dem leicht abgedunkelten Zimmer,
während die betagten Herrschaften hoch konzentriert ihren Fragebogen
ausfüllen. Von draußen sind Autos zu hören, die übers
löcherige Kopfsteinpflaster rumpeln. – eine Atmosphäre
wie in einer schweigsamen Schulklasse, wo alles mit Ehrfurcht auf
die Lehrerin hört. Das sieht die «Gehirntrainerin»
anders und betont, ihren Zuhörern altersgerecht gegenüberzutreten.
«Die Leute haben ihren eigenen Kopf, sie lassen sich kaum von
ihrem Kartenspiel abbringen, wenn ich einmal im Monat zur Tür
hereinkomme.»
«Goldener Herbst» – Der Name des Caritas-Seniorenclubs
in der Südstraße, den Angelika Voigt regelmäßig
besucht, ist für sie Programm. Denn das Alter birgt für
die agile 58-Jährige eine hohe Lebensqualität. Sie hat Freude
am Altern, weil sie keine Angst vor dem Alter hat. «Die Leute
sind heutzutage mit 60 Jahren viel gesünder und unternehmungslustiger
als vor 20 oder 30 Jahren – und sie haben mehr Potenzial, als
viele Jüngere denken» , sagt sie. Angelika Voigt zählt
selbst zu den Fitten um die 60. In sportlicher Trekkinghose, im gestreiftem
Hemd und mit Kurzhaarschnitt erscheint sie im Caritas-Haus. Die Ruhephase
ihrer Altersteilzeit begreift die Mutter zweier erwachsener Kinder
als Chance, einen neuen Lebensabschnitt zu gestalten.
Wacher Geist kontra Alzheimer
Doch wer das Leben ab 60 genießen will, braucht neben körperlicher
Fitness einen wachen Geist. Gerade daran mangelt es vielen Hochbetagten,
denn die Altersdemenz ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Bislang
kann die Krankheit nicht geheilt, ihr Verlauf aber durchaus gesteuert
werden. Die geistige Leistungsfähigkeit des Erkrankten so lange
wie möglich aufrechtzuerhalten, ist nach Meinung von Experten
wie der Initiative «Altern in Würde» eine der wichtigsten
Methoden, um Alzheimer und Altersdemenz im Frühstadium entgegenzuwirken.
Genau dort setzt Angelika Voigts «Gehirnjogging» an.
Das Interesse an den neuen Facetten des Lebens, die ihr persönlicher
goldener Herbst bereithält, scheint auch ihrer Lebenserfahrung
zu entspringen. In ihrer beruflichen Karriere war die Cottbuserin
häufig gezwungen, mit bisherigen Lebenswelten zu brechen. Die
studierte Bauingenieurin verfolgte den Aufbau der Kohle-Großindustrie
und ihres Rattenschwanzes aus Wohnsiedlungen in der Lausitz. Nach
der Wende begleitete sie, «die gelernt hatte, wie man Häuser
baut» in Diensten einer Tagebaugesellschaft den Abriss von
Brikettfabriken und anderen Überbleibseln einer vergangenen
Industriestruktur. Vielleicht liegt es an ihrer «zielstrebigen,
unduldsamen und konsequenten Art» , die sich Angelika Voigt
zuschreibt, dass sie Weichenstellungen im Leben eher schätzt
als fürchtet.
Das Leben danach
Wenn sie nicht gerade auf Senioren-Visite ist, verschönert
sie sich das Leben nach dem Job mit ihrem Ehemann, zum Beispiel
während Radtouren an Oder und Neiße oder bei Fernreisen
nach China. Doch das reine Privatvergnügen füllt sie auf
Dauer nicht aus. «Haus, Hof und Mann – das reicht mir
nicht» , betont sie. Außerdem fehle ihr der geistige
Austausch mit den Kollegen, den sie früher am Arbeitsplatz
in Brieske oder Hoyerswerda gewohnt war. Darum habe sie vor einiger
Zeit entschieden, sich von der Freiwilligenagentur eine ehrenamtliche
Tätigkeit vermitteln zu lassen, «die mir Spaß macht»
, wie sie betont. Mit Aufopferung – ein Begriff, der vielen
Zeitgenossen bei dem Stichwort «Arbeiten mit Senioren»
sofort in den Kopf komme – habe das nichts zu tun. «Ich
mache das nicht nur für andere» , sagt die jung gebliebene
Ruheständlerin.
Zum Thema Freiwilliges Engagement
In Cottbus und Umgebung gibt es viele Menschen, die ehrenamtlich
in den Bereichen Sport, Kultur und Soziales tätig sind. Ein
Teil der Ehrenamtler wird über die Freiwilligenagentur koordiniert.
Sie wurde 2001 gegründet. Ein Höhepunkt für alle
Menschen, die sich für andere engagieren, ist die bundesweite
Woche des bürgerschaftlichen Engagements vom 15. bis 24. September.
Von Nils Michaelis |